Der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik

 

 

Nachhaltigkeit bei Events wird wichtiger

 

Nachhaltigkeit und Festivals oder Touren schließen sich nicht zwangsläufig aus. Die Green-Touring-Initiative hat einen Leitfaden mit konkreten Ideen entwickelt, wie Konzerte ökologischer werden. Im Interview mit Constantin Alexander erklärt Mitinitiator Julian Butz, was das genau bedeutet, wie das ankommt und welchen Nutzen, Techniker daraus ziehen können.

Ihr habt eine Initiative für grünes Touren, also Green Touring gestartet? Was war der Auslöser?
Der Green Touring Guide ist das Ergebnis eines längeren Prozesses, der schon 2011 begann. Damals haben sich die Green Music Initiative (GMI) aus Berlin und die Popakademie Baden-Württemberg zusammengetan, um ein Umweltkonzept für das großartige Indie-Festival Maifeld Derby in Mannheim zu entwickeln. Im Rahmen der so genannten Projektwerkstatt haben Studierende, u.a. meine Person, geschaut, in welchen Bereichen einer Musikveranstaltung überhaupt CO2-Emissionen entstehen, welche kreativen Möglichkeiten zur Verbesserung des CO2-Fußabdrucks es gibt und was andere Akteure in diesem Bereich schon machen.

Spannend. Wie ging es dann weiter?
Das war cool, denn die Green Music Initiative konnte ihre Erfahrungen einbringen. Die GMI hat u.a. das Melt! Festival beraten und dort Dinge wie den Melt! Train, Solarpanels auf den Bühnen, Fahrrad-Diskos, Solar-Ladestationen installiert. Wir konnten aus erster Hand lernen, was Umweltmanagement und Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet und uns dabei konzeptionell austoben. Und die Macher des Maifeld Derbys haben ihr ohnehin schon geschmackvolles Festival durch die Kooperation nochmals aufgewertet. Den Gästen ist aufgefallen, dass das Essen aus der Region kommt, Bio und lecker ist, dass die Shirts fair und ökologisch produziert sind, dass es Fahrradparkplätze gibt usw.. Die Dienstleister, Sponsoren und die Stadt haben uns bei dem Vorhaben super unterstützt – und selbst die Künstler haben bemerkt und wertgeschätzt, Teil eines umweltverträglichen Festivals zu sein.

Gab es weitere positive Folgen?
Das Maifeld Derby wurde im Anschluss für den Green Operations Award nominiert und hat 2014 den Greener Festival Award erhalten. Eine schöne und klimaschonende Erfolgsgeschichte, die allen Beteiligten viel Freude bereitet hat! Gleichzeitig kam bei uns – auch bedingt durch das positive Feedback der Bands – die Frage auf, wieso der Nachhaltigkeitsgedanke bislang eigentlich nur den Festivals vorbehalten ist, während auf Künstlerebene, also im Bereich ihrer eigenen Tourneen, mit Ausnahme einiger weniger Pioniere (z. B. Radiohead, Clueso, Jack Johnson) noch keine Maßnahmen zum Klimaschutz ergriffen werden. Mit der Schweizer Band We Invented Paris wurde daraufhin ein Pilotprojekt gestartet, das dann wiederum den Grundstein für den Green Touring Guide gelegt hat. So kam eines zum anderen.

Ihr gebt 30 Tipps, wie eine Tour grüner wird. Wie kann aus eurer Sicht der Einsatz von Veranstaltungstechnik nachhaltiger werden?
Die 30 Tipps, die wir auf unserer Website anbieten, dienen einem ersten schnellen Überblick. Im Leitfaden werden darüber hinaus noch viele weitere Maßnahmen vorgestellt – und trotzdem fällt hier schon auf, dass unser Schwerpunkt eher Bereichen wie Mobilität, Catering und Merchandising gilt.

Woran liegt das?
Unser Projekt richtet sich vor allem an Künstler und deren direktes Umfeld (z.B. Artist Manager, Tourmanager, Bookingagent). Es geht uns darum, diesen Akteuren konkrete Tipps zu geben, die sie auch wirklich selbst umsetzen können. Bei denen sie also nicht auf die Zustimmung bzw. den Hebel Dritter (z.B. Clubs und deren Technik) angewiesen sind. Zum anderen hat sich die Green Music Initiative mit den Projekten „Green Club Index“ und „Greener Arena Network“ bereits detailliert damit auseinandersetzt, was Spielstätten – und damit auch Veranstaltungstechniker – konkret besser machen können im Sinne der Nachhaltigkeit: www.greenclubindex.de und www.greenerarena.de

Habt ihr konkrete Ideen, wie die Technik und dessen Einsatz nachhaltiger werden könnte?
Was wir im Rahmen unserer Überlegungen hinsichtlich nachhaltiger Veranstaltungstechnik vorschlagen: Energieeffiziente Technik einsetzen, also z. B. LED-Licht statt konventioneller Leuchtmittel, LED-Panels statt Projektoren und intelligente Endstufen mit Energiemanagement-System. Darüber hinaus sollten Ökostrom, ein moderner und verbrauchsarmer Fuhrpark sowie die Zusammenarbeit mit regionalen Dienstleistern zum Standard gehören. Wer als Technikfirma etwas für den Klimaschutz tun will, verwendet darüber hinaus nachhaltig produziertes Equipment, FSC-zertifiziertes Holz (z. B. für Cases), wiederaufladbare Akkus. Radiohead fordern von ihren Technikern, dass sie halbleere Batterien aus Funkmikrofonen für private Zwecke weiterverwenden. Auch Deko-Materialien sollten mehrfach genutzt oder per Upcycling zu neuen Produkten (z. B. Portemonnaies oder Taschen) verarbeitet werden. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, sich über eine transparente Kommunikation der eigenen CO2-Emmissionen, z. B. auf der Website oder auch über die Gewährleistung der Gesundheit und Sicherheit aller Mitarbeiter und Konzertbesucher, als nachhaltiges Unternehmen im Bereich der Veranstaltungstechnik zu positionieren.

Wie sind die Reaktionen auf eure Idee?
Sehr gut. Wir erfahren viel positives Feedback sowohl aus der Live-Branche als auch aus der Nachhaltigkeitsszene. Es ist schön zu sehen, wie sich der Leitfaden durch das Teilen von Musikfirmen, Künstlern und Klimaschutz-Bloggern peu à peu weiterverbreitet. Er wurde jetzt sogar ins Englische übersetzt, da sich einige Medien und Agenturen aus dem Ausland gemeldet hatten. Natürlich ist das Ganze noch ein Nischenthema, aber die Leute sind sehr offen dafür!

Hört ihr auch pessimistische Stimmen?
Klar gibt es auch ein paar Skeptiker, was mit dem Thema Nachhaltigkeit wohl immer irgendwie einhergeht. Da wird einem hier und da mal Wunschdenken vorgeworfen oder ein Kommentar à la „Jetzt hat der Ökowahn auch die Musikbranche erreicht“ rausgelassen. Aber das gehört dazu, und damit können wir leben. Zumal wir im Leitfaden konkret darauf eingehen: Grünes Touren heißt eben nicht Green Washing, heißt auch nicht Verzicht und immerzu Dinkelmüsli und Grünkernbratlinge. Grünes Touren bedeutet Innovation, Kreativität, Lebensqualität – also gute Tourneen noch besser zu machen.

 

 

 

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