Der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik

 

 

Lernen, auch mal Nein zu sagen

 

Eine der großen Herausforderungen in der Veranstaltungsbranche ist der nicht-serielle Auftragseingang. Das bedeutet, dass Jobs nur selten wie eine Perlenkette schön geordnet hintereinander reinkommen, sondern sich gefühlt chaotisch über das Jahr verteilen. Natürlich gibt es Höhepunkte während der Open-Air-Saison, wo es in jeder Woche über das ganze Land verteilt Events gibt, und auch mit dem Beginn der Messe-Saison nach den Feiertagen zum Jahresende spüren die Unternehmen den Peak an Eingängen besonders stark.

Doch im Gegensatz zu vielen anderen Wirtschaftszweigen fällt es uns schwer, Prognosen anzustellen, wie viele Aufträge über das Jahr eingehen und wie hoch diese sein werden. Vor diesem Hintergrund ist eine langfristige und strategische Unternehmensplanung sehr schwierig, aber nicht unmöglich. Das geht schon bei der Auswahl der Aufträge los.

Wegen der schlechten Planbarkeit verspüren viele Unternehmen und selbstständige Einzelunternehmen einen enormen Druck, jeden Auftrag einfach anzunehmen. Auch wenn ihnen dafür die Ressourcen, die passenden Mitarbeiter oder schlicht die Zeit fehlt. Die Branche hat für solche Herausforderungen einige Lösungen wie Zeitarbeit, Dry-Hire, Cross-Hire oder das kooperieren von Kleinstunternehmen, ohne die wir vieles nicht realisieren könnten. Leider versuchen viele Unternehmen wegen des Preisdrucks alles selbst zu machen. Doch der Tag hat nun mal nur 24 Stunden, und es gibt niemanden, der es lange aushält, Tag für Tag ohne Pause zehn oder mehr Stunden zu arbeiten. Auch die Qualität und die Sicherheit leidet darunter, von den Verletzungen rechtlicher Vorgaben für den Arbeitsund Gesundheitsschutz einmal abgesehen. Diese Arbeitsauffassung wird gern heroisiert oder als unausweichlich dargestellt.

Ein anderes Manko ist eben – wie erwähnt – das Fehlen der Ressourcen bei der Durchführung vieler Aufträge. Dabei geht es um die richtige Balance zwischen Herausforderungen suchen und sich nicht verzocken mit Aufträgen, die viel zu groß sind für die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Und da kommen wir zum Kernpunkt unserer Branche, aber im Grunde genommen unseres gesamten Wirtschaftssystems: Es geht um Versprechen.

Unsere Auftraggeber locken ihre Kunden und Besucher mit einem Versprechen von Qualität, guten Produktinfos, einem sicheren Event mit positiven Effekten im Bereich Marketing oder einfach einer guten Zeit und gutem Entertainment. So verdienen Messen, Konzertveranstalter und Organisatoren sämtlicher Events ihr Geld. Nur wenn diese Veranstaltungen auch ihre Versprechen halten, können sie langfristig am Markt erfolgreich sein.

Um das zu erreichen, versprechen die Event-Planer und Organisatoren uns eine „faire“ Entlohnung unseres Know-hows und unserer Arbeit. Und wenn die Bezahlung beim ersten Mal nicht so ist, wie sie sein sollte, gibt es eben das Versprechen, das in Zukunft anders zu regeln. Durch Folgeaufträge oder Weiterempfehlung zum Beispiel oder das man „den kleinen Stand da noch mit machen kann, wo man eh schon auf der Messe ist“. Da Aufträge ebenso unregelmäßig reinkommen, glauben wir so etwas sehr gerne.

Wie Texter oder Designer und andere Vertreter der Kreativwirtschaft hören wir außerdem häufig genug, dass ein Auftrag für uns ja nicht nur finanziell sinnvoll sei, sondern unseren Ruf auch verbessern würde. „Das ist gut für Ihr Portfolio“, lautet dabei ein Standardsatz. Und wenn sie den Auftrag brauchen, dann glauben viele Unternehmen das und versprechen, eine sichere, kreative und tolle Bearbeitung des Jobs durchzuführen. Auch wenn sie dadurch vor allem einen finanziellen Schaden zu erwarten haben und keinen Gewinn.

Das können sie sich häufig nur leisten, indem sie ihren Mitarbeitern, Subunternehmen und Lieferanten ebenfalls versprechen, dass die Zukunft super wird. Wie häufig passiert es jungen Menschen, dass ihnen eine Ausbildung versprochen wird, wenn sie nur lange und hart genug als (unbezahlte) Praktikanten arbeiten?! Und nicht selten stellen Berufsanfänger ihr gesamtes Equipment kostenlos zur Verfügung, weil ihnen gesagt wird, dass sei so üblich für ein erstes gemeinsames Projekt.

Und so versprechen sich alle gegenseitig eine bessere Zukunft und nehmen dafür Kredite auf – den Vertrauensvorschuss ihrer Geschäftspartner, aber auch den monetären. In Vorleistung zu gehen ist keine Schmach und eine wichtige Voraussetzung für viele wirtschaftliche Aktivitäten, aber es ist etwas, das man nicht mit jedem machen sollte.

Schwierig wird es nämlich, wenn wir dann an die Versprechen erinnert werden. Die Auftraggeber können sich ohne Probleme und schnell rausreden, wenn wir dann doch keinen Folgeauftrag bekommen. Wenn es keinen Vertrag gibt, können sie juristisch nicht belangt werden, und sie finden in der Regel sofort jemanden, der die Lücke ausfüllt. Also bleiben wir mit den Forderungen und Erwartungen unserer Mitarbeiter, der Lieferanten und der Banken zurück. So entsteht häufig ein Teufelskreis an dessen Ende Insolvenz stehen kann, aber auch der Boykott von Zulieferern, juristische Auseinandersetzungen und ein schlechter Ruf.

Um das zu vermeiden, nehmen viele jeden Auftrag an und erhöhen so den Umsatz, nicht aber unbedingt den Gewinn. Finanzielle Außenstände werden durch neue Aufträge querfinanziert, deren Durchführung dann wiederum von einem Folgeauftrag bezahlt werden muss. In der Folge hetzen die Firmen von Auftrag zu Auftrag, ohne wichtige Rücklagen bilden zu können und sich einmal strategisch zu überlegen, welcher Job überhaupt sinnvoll ist. Um die Veranstaltungsbranche nachhaltig und professionell aufzustellen, müssen wir diesen Kreislauf beenden! Wir müssen uns fragen, wann ist ein Auftrag eine Chance für uns? Und wer profitiert eigentlich von einem Auftrag? Müssen wir unser Equipment immer voll ausgelastet haben oder reicht es, wenn unsere Investitionsgüter über das Jahr genügend Zinsen einfahren, damit sich die Anschaffung lohnt? Braucht es immer neue junge Mitarbeiter, die wir mühsam anlernen müssen und die sofort wieder weg sind, wenn wir ihre berechtigten Erwartungen nicht erfüllen? Oder arbeiten wir lieber langfristig zusammen und können durch das dadurch entstandene gegenseitige Vertrauen auch komplexere Jobs stemmen?

Es geht nicht nur darum, die passenden Ressourcen zu haben, sondern auch damit umgehen zu können. Wachstum allein darf kein Erfolgskriterium in unserer Branche sein. Es lohnt sich nur selten, immer mehr Equipment anzuhäufen und mehr und mehr Mitarbeiter anzustellen oder Subunternehmer zu bemühen. Häufig ist eine Absage an einen Auftraggeber die klügere betriebswirtschaftliche Entscheidung. Solange die Branche nicht umdenkt und sich ihrer Stärken bewusst wird und diese auch zeigt, brauchen wir uns nicht wundern, wenn wir von außen als Geschäftspartner nicht ernst genommen werden. Auch wenn es schwer fällt: Ein Nein zu einem unsinnigen Auftrag ist besser als ein Ja, das eine ganze Kette von Problemen nach sich zieht.

Helge Leinemann ist Vorstandsvorsitzender des VPLT

 

 

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